Mit ID.3 Pro S und Eriba Touring nach Polen und Masuren
Wie 2024 und 2025 wieder ein ID.3-Reisebericht. Wir waren mit einem ID.3 Pro S Tour, Baujahr 2021, 77-kWh-Akku, und einem Eriba Touring von 2002 mit 1.200 kg zulässigem Gesamtgewicht unterwegs. Also knapp unter der in Polen Maut-relevanten Grenze von 3500 kg. Zusätzlich hatten wir ein Hase Pino Steps und ein Faltboot Kolibri Zweier III dabei. Die tatsächlich gefahrene Route führte vom Bördekreis über den Helenesee nach Warschau, weiter nach Masuren und Mikołajki, anschließend wegen des Wetters nach Danzig und über die Halbinsel Hel zurück. Übernachtet haben wir auf Campingplätzen und zweimal frei auf Parkplätzen.
Verbrauch und Fahrverhalten mit Touring
Das Gespann ließ sich insgesamt unauffällig und stabil fahren. Auf den polnischen Autobahnen bewegten wir uns überwiegend im Bereich von 85 bis 95 km/h und damit ähnlich wie auf deutschen Lkw-Spuren. Daraus ergab sich ein Reiseschnitt von etwas mehr als 80 km/h.
Der Durchschnittsverbrauch der Reise lag bei etwa 23 kWh/100 km. Mit Rückenwind waren auf der Autobahn weniger als 22 kWh/100 km möglich, mit Gegenwind etwa 25 kWh/100 km. Damit ergaben sich brauchbare Etappenlängen von bis zu etwa 300 km.
Die erste Etappe vom Bördekreis Richtung Osten verlief bei Rückenwind mit 22,5 kWh/100 km und 82 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Der Wert zeigte früh, dass die vorher befürchteten 28 bis 30 kWh/100 km für unser Gespann unter normalen Bedingungen deutlich zu hoch angesetzt waren.
Abseits der Autobahn änderte sich das Bild. Zahlreiche 30er-Ortsdurchfahrten sowie schmale, ausgefahrene und unübersichtliche Landstraßen drückten den Schnitt auf einer Rückfahretappe auf etwa 42 km/h. Für das Betrachten der Gegend war das interessant, für den Reisefortschritt aber ein Fehler. Die gut ausgebauten Autobahnen erwiesen sich als deutlich sinnvoller. Für die Gesamtstrecke von ca 2000 km 23,1 kWh pro 100 km.
Laden unterwegs
Da wir We Charge mit Ionity-Option gebucht hatten, nutzten wir nach Möglichkeit Ionity und luden dort ausschließlich per Plug & Charge. Das funktionierte so, wie öffentliches Laden funktionieren sollte: Stecker einstecken und fertig.
Am ersten Ladestopp an der Rastanlage Am Fichtenplan Süd an der A10 mussten wir den Touring abkuppeln. Eine Säule war defekt, die übrigen belegt, sodass wir etwa drei Minuten warten mussten. Danach luden wir bis 80 %.
Auf der weiteren Strecke war Ionity völlig unproblematisch. Kein Studium, ob zuerst der Stecker verbunden oder zunächst die Ladekarte vorgehalten werden muss, kein Rätselraten über die Benutzerführung und keine Fragen zur Kartenverträglichkeit.
Außerhalb des Ionity-Netzes wurde es unnötig kompliziert. Auf der Fahrt von Masuren nach Danzig mussten wir bei strömendem Regen an einer nicht überdachten Säule laden. Positiv war immerhin, dass sie mit angekoppeltem Touring erreichbar war.
Die Bedienung war ausschließlich auf Polnisch möglich. Ein zweiter Kartenleser war nur kniehoch angebracht. Nach mehreren Versuchen akzeptierte er als einzige unserer Karten eine US-Kreditkarte und verlangte eine PIN. Bis ich diese im Passwortmanager gefunden hatte, war das Zeitfenster abgelaufen. Danach erkannte das Terminal die Karte etwa 20 Minuten lang überhaupt nicht mehr. Erst anschließend gelang ein neuer Versuch und die Ladung begann. Zu diesem Zeitpunkt war ich vollständig durchnässt.
Am Ende der Reise standen wir auf einem Parkplatz nahe Berlin vor einem ähnlichen Problem. Zwei Säulen waren defekt, meldeten dies aber erst nach dem Einstecken. Vorher zeigten sie lieber Werbung. Die beiden funktionierenden Ladepunkte waren belegt. Einer der Fahrer lud seinen ID. Polo wegen der Weiterfahrt nach Wolfsburg bis 100 %, am Ende mit etwa 3 kW. Danach wurden noch Messprotokolle ausgefüllt, ohne den Ladeplatz zu räumen. Erst nach deutlicher Ansprache konnten wir laden.
Die eigentliche Herausforderung der Reise war deshalb nicht der ID.3 und auch nicht der Touring, sondern die schlechte Gestaltung einzelner Ladeangebote. Plug & Charge ist keine technische Spielerei, sondern die notwendige Vereinfachung für einen alltagstauglichen Betrieb.
Laden auf Campingplätzen
Auf mehreren Campingplätzen war Laden nach Rückfrage problemlos möglich.
Am Helenesee wurde der Strom pauschal berechnet. Dadurch konnten wir den ID.3 über Nacht wieder bis 100 % laden.
Auf dem Campingplatz Wagabunda in Mikołajki war das Laden mit dem Ladeziegel ebenfalls möglich. Für die Ausflüge vor Ort war damit keine zusätzliche Ladeplanung nötig.
Auf dem Campingplatz Stogi in Danzig konnten wir nach Rückfrage an der Rezeption ebenfalls laden. Den Strom begrenzten wir auf 8 A, um den Anschluss nicht unnötig zu belasten.
Diese Möglichkeit war für uns organisatorisch sehr hilfreich. Es ging nicht darum, auf Campingplätzen grundsätzlich möglichst viel Fahrzeugenergie zu beziehen, sondern darum, Standzeiten sinnvoll zu nutzen und morgens mit einem ausreichenden SoC zu starten.
Navigation und Mobilfunk
Für die Navigation standen die VW-Lösung, ABRP Premium und Google Maps über Android Auto zur Verfügung. ABRP war über einen OBD-Dongle mit Live-Daten des Fahrzeugs verbunden.
In Ostpolen waren ABRP und Google Maps wegen zahlreicher Funklöcher nur eingeschränkt nutzbar. Die vorsorglich installierte Offline-Navigation OSMAnd mussten wir trotzdem nicht verwenden, weil das VW-Navi zuverlässig blieb und uns auch ohne durchgehend stabile Datenverbindung ans Ziel führte.
Für die Ladeplanung war ABRP wegen der Live-Daten weiterhin interessant. Als alleinige Navigationslösung hätte ich mich in den schlechter versorgten Gebieten aber nicht darauf verlassen wollen.
Maut und Bezahlen
Die Maut auf der A2 von Świecko bei Frankfurt (Oder) in Richtung Warschau war zwar analog, aber problemlos. Auf dem privat betriebenen Abschnitt wird an klassischen Mautstellen bezahlt. Danach ist die A2 für leichte Fahrzeuge mautfrei. Eine Vignette oder Registrierung im e-TOLL-System war für unser Gespann nicht nötig.
Im Reisealltag konnten wir praktisch überall mit EC- beziehungsweise Debitkarte bezahlen. Die auffällige Ausnahme waren ausgerechnet einzelne Ladesäulen.
Bei Kartenzahlungen wählten wir immer PLN und nicht die angebotene Umrechnung in Euro. Die Preise erschienen uns insgesamt ähnlich wie in Deutschland. Das Warenangebot war umfassend, von Biedronka bis Lidl war alles vorhanden, was wir unterwegs benötigten.
Campingplätze und Reiseorganisation
Unser erster Übernachtungsplatz war der Helenesee. Das Gelände wirkte wegen der seit 2021 gesperrten Uferbereiche teilweise wie ein Lost Place. Nach zwei Telefonaten mit den Betreibern fanden wir den noch bewirtschafteten Bereich und dort einen idyllischen Stellplatz im Wald.
In Warschau kamen wir gegen 16 Uhr am Camping Motel WOK an. Das war für ein Gespann ungünstig, weil der Platz praktisch voll war. Ein zweiter Versuch beim Betreiber führte zu einem brauchbaren Kompromiss: Der Touring durfte noch auf den Platz, der ID.3 musste draußen an der Straße stehen. Der Platz selbst war sehr schön, die Betreiber freundlich.
Noch am selben Abend fuhren wir nach einer Ladepause weiter Richtung Masuren und übernachteten ungestört auf einem einsamen Rastplatz im Wald.
Am nächsten Morgen erreichten wir den Campingplatz Wagabunda oberhalb von Mikołajki. Es gab freie Stellplatzwahl. Wegen des Dauerregens war der Boden aufgeweicht, ein geeigneter Platz ließ sich trotzdem finden.
Wegen des anhaltenden Regens änderten wir später die Planung und fuhren nach Danzig. Der Campingplatz Stogi erwies sich als sehr eng, aber unter den gegebenen Bedingungen gut organisiert und bepflanzt. Die freie Platzwahl funktionierte problemlos.
Für Fahrten in die Stadt blieb das Gespann auf dem Platz. Die Altstadt war mit dem Pino über ebene und gut ausgebaute Radwege erreichbar. Auch eine stark sanierte Brücke blieb für den Radverkehr passierbar. Diese Kombination aus Campingplatz, Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr war deutlich praktischer, als mit dem Gespann oder dem Auto in die Innenstadt zu fahren.
Pino und Kolibri
Das Hase Pino war für die Reise sehr nützlich. In Mikołajki und Danzig konnten wir das Auto stehen lassen und die Umgebung direkt vom Campingplatz aus erkunden.
Der Höhepunkt in Masuren war die Fahrt mit dem Kolibri Zweier III auf der Krutynia von Krutyń nach Ukta über rund 13 km. Die Tour selbst war landschaftlich hervorragend.
Für das Faltboot war sie allerdings nicht völlig ungefährlich. Äste und umgestürzte Bäume lagen teilweise knapp unter der Wasseroberfläche. Ein vor Ort preiswert gemietetes Hartboot einschließlich Transfer wäre vermutlich die vernünftigere Lösung gewesen.
Auch mit dem eigenen Boot ließ sich die Rückholung aber problemlos organisieren. Für umgerechnet etwa 13 Euro wurden wir beziehungsweise das Fahrzeug zurück zum Ausgangspunkt gebracht.
Reiseeindrücke in Kurzform
Warschau beeindruckte als wiedererstandene Stadt. Der öffentliche Nahverkehr war schnell, eng getaktet und mit einem auf dem Campingplatz gekauften Fahrschein für Bus und Metro unkompliziert nutzbar.
Die Wolfsschanze war wegen des schlechten Wetters zunächst nur als Ausweichziel vorgesehen. Die Ausstellung erwies sich aber als deutlich gehaltvoller als erwartet und stellte den historischen Zusammenhang zwischen Führungszentrale, Vernichtungskrieg und dem Warschauer Aufstand nachvollziehbar dar.
In Danzig beeindruckten vor allem das Museum des Zweiten Weltkriegs und die wiederaufgebaute Rechtsstadt. Das Museum vermittelte die spezifisch polnische Sicht auf Krieg, Besatzung und das Ende des Krieges weit eindringlicher, als abstraktes Wissen es vermag.
Der Strand von Stogi und eine kurze Fahrradtour auf die Halbinsel Hel rundeten den Aufenthalt ab. Hel war in der Hauptsaison stark überlaufen, mit dem Fahrrad aber deutlich besser zugänglich als mit dem Auto.
Eindruck von Polen
Polen wirkte auf uns nicht wie ein Land, das in erster Linie mit Nachholbedarf beschäftigt ist. Autobahnen, Nahverkehr, Einkaufszentren und touristische Infrastruktur waren vielfach modern oder sichtbar neu.
Das Preisniveau war ähnlich wie in Deutschland, das Angebot umfassend und die praktische Reiseorganisation meist unkompliziert. Polen machte auf uns den Eindruck eines aufstrebenden Landes und lohnenden Urlaubsziels. Mit früheren Eindrücken oder verbreiteten alten Vorstellungen hatte das wenig zu tun.
Fazit
Das Reisen mit dem ID.3 Pro S und Eriba Touring nach Polen war insgesamt problemlos möglich. Der Verbrauch von etwa 23 kWh/100 km erlaubte brauchbare Reichweiten, die Autobahnen waren gut ausgebaut und das Gespann fuhr stabil.
Die Kombination aus Ionity, We Charge und Plug & Charge funktionierte hervorragend. Campingplatzladen mit reduziertem Strom war nach Rückfrage mehrfach möglich und organisatorisch hilfreich.
Probleme entstanden fast ausschließlich durch schlecht gestaltete oder defekte Ladeinfrastruktur außerhalb des vertrauten Netzes. Nicht Reichweite oder Zugbetrieb waren die Schwachstellen, sondern Kartenakzeptanz, unklare Bedienreihenfolgen, fehlende Überdachung, schlechte Fehlermeldungen und blockierte Ladeplätze.
Wer mit einem ID.3 Pro S und einem leichten Touring nach Polen fahren möchte, muss deshalb vor dem Gespann keine Angst haben. Sinnvoll sind ein verlässlicher Ladetarif, Plug & Charge, ein Ladeziegel, mehrere Bezahlkarten und etwas Gelassenheit für die Fälle, in denen die Ladeinfrastruktur komplizierter ist als das eigentliche Fahren.